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Leben auf der Baustelle

Frau Bretschneider – warum ist der Haupteingang gesperrt?

Wir bereiten im Moment die wohl schwierigste Phase der Schlosssanierung vor. In den kommenden Monaten werden die Fundamente am Hauptportal gesichert und stabilisiert. Zugleich wollen wir die Fassade des Hauptportals einschließlich Niklothalle und die Durchfahrt in den Innenhof sanieren. Trotzdem – das möchte ich ausdrücklich betonen – sind alle öffentlichen Bereiche, also Museum, Schloss- und Orangeriecafé, wie gewohnt geöffnet. Und auch die Gäste von Veranstaltungen in der Schlosskirche haben natürlich Zutritt.

Hätte man diese Arbeiten nicht im Winter ausführen können, anstatt in der Haupt-Touristensaison?

Nein, das geht leider nicht. Die komplizierten Gründungs- und Fassadenarbeiten können nicht bei Frost durchgeführt werden. 
                
Was genau wird gemacht? 

Messungen haben ergeben, dass der Bereich jährlich um ein bis drei Millimeter absinkt. Diese Setzungen gefährden die gesamte Statik des Hauptportals. Deshalb werden in den kommenden Monaten 118 fast einen Meter
starke, bis zu 12 Meter tiefe Bohrungen in den morastigen Boden unter dem Hauptportal getrieben. Mit einem speziellen Düsenstrahlverfahren wird Beton in die Bohrungen eingespritzt, um diesem Bereich wieder Stabilität
zu geben. Da infolge der Setzungen die beiden Türme rechts und links des Hauptportals nach außen driften, müssen wir zusätzlich zehn Stahlanker durch das Hauptportal ziehen. Alles in allem ein sehr kompliziertes und langwieriges Unterfangen.

Sind in diesem Jahr noch weitere Baumaßnahmen in anderen Schlossbereichen geplant?

Ja. Die Notsicherungsarbeiten an der Nordbastion, einschließlich Teehaus, sollen abgeschlossen werden. Außerdem wird die Sanierung der Fundamente unter dem Neuen Langen Haus, dem Bischofshaus und dem Haus über der Schlossküche fortgeführt und ebenfalls abgeschlossen.

Was ist mit dem Umzug der Schlossküche in den Keller?

Dafür gibt es ein konkretes, aktuelles Projekt. Wenn die Fundamente saniert sind, soll an der Stelle der ehemaligen Schlossküche im Hochkeller wieder die zentrale Küche des Schlosses eingerichtet werden. In dem daneben liegenden Keller des Bischofshauses wollen wir die Kantine unterbringen. In der sogenannten Südbastion, rechts neben dem
Museumseingang, sollen die Nebenräume der Gastronomie Platz finden. Im Zuge dieser Umbaumaßnahmen ist auch der Einbau eines zweiten Fahrstuhls geplant. Diese Schritte bei der Umsetzung des Nutzungskonzeptes für das Schloss streben wir bis 2006 an. In Abhängigkeit von der Bereitstellung finanzieller Mittel soll dann bis spätestens zur
BUGA im Jahr 2009 im Medaillonsaal das vom Burggarten zugängliche Restaurant-Café eröffnet werden. Mit der Verlagerung der Küche, der Kantine, der öffentlichen Gastronomie und dem zweiten Fahrstuhl kann eine wesentlich bessere räumliche Trennung zwischen dem Parlamentsbetrieb und der öffentlichen Nutzung erreicht werden.
Dem Außenstehenden fällt es schwer, ein System bei der Sanierung zu erkennen. Da wird mal hier ein Baugerüst aufgestellt, dann dort ein Turm eingerüstet…
Die Baukommission des Landtages berät regelmäßig mit dem Landesbetrieb für Bau und Liegenschaften die nächsten Sanierungsschwerpunkte. Oberste Priorität haben die Fundamente und alle Maßnahmen, die einen  weiteren Verfall aufhalten – also Dächer, Trockenlegung der Mauern usw. Allerdings zwingen uns unvorhergesehene Probleme immer wieder zu kurzfristigen Reaktionen: so hat uns der Absturz von Fassadenteilen im vergangenen Jahr gezwungen, die Planungen umzustoßen und Notsicherungen an den Fassaden im Innenhof, im Außenbereich und im Hauptportal vorzunehmen.

Können Sie eine Gesamtsumme für die Sanierung des Schlosses nennen?

Ja. Insgesamt gehen wir von Gesamtkosten in Höhe von 158 Millionen Euro aus. Seit dem Sanierungsbeginn 1990 sind ca. ein Drittel davon verbaut worden.

Immer wieder fragen die Besucher: Wann ist das Schloss fertig?

Wenn man davon ausgeht, dass wie bisher jährlich vier bis fünf Millionen Euro im Landeshaushalt für das Schweriner Schloss bereitgestellt werden, dauert die Sanierung noch mindestens 20 bis 25 Jahre! Das ist alles andere als optimal. So lange Bauzeiten verteuern das Gesamtvorhaben, nicht zuletzt, weil der Verfall schneller voranschreitet
als die Sanierung. Aber angesichts der leeren Kassen ist eine „Sanierung am Stück" derzeit wohl kaum umsetzbar.

Werden wegen der Bauarbeiten Demonstrationen vor der Schlossbrücke auf den Alten Garten verlegt?

Eine Bannmeile wird es nicht geben! Ich gehe davon aus, dass Demonstrationen vor dem Schloss trotz der Bauarbeiten möglich bleiben. Ob es im Einzelfall Einschränkungen geben kann, muss entsprechend der konkreten
Bausituation durch die Genehmigungsbehörde der Stadt Schwerin entschieden werden.

Beeinträchtigen die Sanierungsarbeiten die Arbeit des Parlaments?

Grundsätzlich läuft das Parlamentsgeschehen normal weiter. Aber die Abgeordneten arbeiten schon unter erschwerten Bedingungen. Im Grunde leben wir seit 13 Jahren auf einer Großbaustelle. Das heißt nicht nur eingeschränkte räumliche Gegebenheiten, sondern auch Baulärm, Staub, immer wieder umziehen, wenn der aktuelle Fraktionsbereich an die Reihe kommt. Besonders stark sind im Moment die SPD- und die CDU-Fraktion
betroffen.

Erweist sich die Entscheidung des Landtages von 1990, das Schweriner Schloss zum Sitz des Landesparlaments zu bestimmen, im Nachhinein als Handicap?

Auf gar keinen Fall. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker wird immer wieder zitiert, und auch ich tue das sehr gern bei jeder Gelegenheit: Mecklenburg-Vorpommern hat den wohl schönsten Landtagssitz Deutschlands! Im Übrigen war auch für das Schloss die damalige Entscheidung ein Segen: mit dem Einzug des Parlaments
begann die systematische Sanierung.

Was halten Sie von der Idee, den Schlosskomplex auf die UNESCO-Welterbeliste zu bringen?

Ich begrüße alle Aktivitäten, die die Bedeutung dieses einmaligen Gebäudes und seiner umgebenden Landschaft auch über die Landesgrenzen hinaus ins öffentliche Bewusstsein rücken. Welche realen Chancen ein solches Bestreben hat, vermag ich im Moment nicht einzuschätzen. Angesichts der Vielzahl der eingetragenen Welterbestätten und der Überrepräsentanz europäischer Denkmäler auf der Liste wird es sicher sehr schwierig sein, das begehrte Qualitätssiegel für das Schweriner Schloss zu erlangen. Aber von dem Weg Wismars und Stralsunds auf die Liste weiß ich auch, dass schon die Bewerbung ein Prozess ist, der das Image des Denkmals und eine breite öffentliche Identifikation fördert. Darüber hinaus werden konkrete Instrumentarien zum dauerhaften Schutz und Erhalt des Denkmals geschaffen. Auch insofern unterstütze ich diese Zielstellung.

Frau Bretschneider, wir bedanken uns für das Gespräch.

aus: LandtagsNachrichten Mecklenburg-Vorpommern, 3/2004 pdf  78.46 Kb

 

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