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Interviews

 
 

Weihnachtsinterview 2015 im NB-Radiotreff 88,0

Das Interview führte Dirk Pohlmann.

 

„Schülern zeigen, was sie können“


Sylvia Bretschneider im Gespräch mit SchülerreporternNEUBRANDENBURG.
Es ist kurz vor 17 Uhr. Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD) wird von fünf Schülerreportern der Neubrandenburger Zeitung zum Interview empfangen. Anfangs sitzen die jungen Leute noch etwas schüchtern und unschlüssig, mit welchen Erwartungen sie an dieses Interview gehen sollen, um den großen Konferenztisch. Dann beginnt die Fragerunde.

Ist es nicht ungewohnt für Sie, bei einem Interview in so junge Gesichter zu blicken?
Nicht unbedingt. Ich finde es vor allem fantastisch, dass hier junge Leute für junge Leute schreiben. Jugendliche Journalisten haben sicherlich den besseren Draht zu den Menschen ihrer Altersgruppe. Es tut gut, solche hier nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Produzenten zu sehen. Wenn man über Jugendthemen an das Zeitungslesen heranführt, kann dieses regelmäßige Informieren schnell zur Gewohnheit werden, und das ist ein positiver Effekt. Ich selbst bin fleißige Zeitungsleserin.

Für uns Jugendliche ist die Bildungspolitik ganz wichtig. Der erste Jahrgang des längeren gemeinsamen Lernens macht bald sein Abitur. Wie sieht Ihre Bilanz nach sieben Jahren aus?
Ich finde, absolut positiv zu erwähnen ist, dass sich die Schüler länger auf die kommenden Herausforderungen der Sekundarstufe 1, von Klasse 7 bis 9, einstellen können. Meiner Meinung nach wird der Bildungsweg der Kinder sonst viel zu früh vorbestimmt. Die meisten Eltern wollen natürlich, dass ihr Kind den höchsten Bildungsabschluss erreicht. In der Orientierungsphase des längeren gemeinsamen Lernens kann die weitere schulische Entwicklung des Schülers deutlich besser eingeschätzt werden.

Dazu kommt aber doch, dass die Zeit bis zum Abitur wieder auf zwölf Jahre verkürzt wurde. Steigert das nicht den Druck auf die Schüler?
Benachteiligt sind wegen der langen Schulwege die Jugendlichen aus dem ländlichen Raum. Insgesamt ist die Belastung der Schüler in der Oberstufe durch das so genannte „Turboabitur“ natürlich sehr hoch, aber zu bewältigen.

Dennoch schaffen häufig Schüler den Weg zum Abitur nicht. Gerade wurde auch die Diskussion um das Thema „Sitzenbleiben“ neu entfacht. Wie beurteilen Sie als ehemalige Lehrerin dieses Prinzip?
Es kommt immer darauf an, was ich bei den Schülern erreichen will. Wichtig ist, dass sie für das Leben lernen. Man muss den Schülern zeigen, was sie können, und darf ihnen nicht immer vorführen, wozu sie nicht fähig sind. Wenn ein Schüler jetzt in einigen Fächern nur schlechte Noten hat, in anderen Fächern jedoch sehr gute Leistungen erreicht und dennoch die Klassenstufe wiederholen muss, dann wiederholt er zwangsweise auch den Lehrstoff seiner starken Fächer. Das ist vergeudete Zeit. Ich bin dafür, dass man diese Zeit anderweitig auslastet, also zum Beispiel dass diese Stunden durch seine „Problemfächer“ ersetzt werden, also eine Art „Baukasten-Stundenplan“ individuell auf den Schüler abgestimmt.

Ein weiteres, häufig diskutiertes Thema, ist die Integration von Jugendlichen in Politik. Wie können wir unsere Demokratie gegen verfassungsfeindliche Gruppierungen schützen?
Wir müssen junge Leute dazu bringen, die Demokratie als einen wesentlichen und positiven Wert in ihrem persönlichen Leben zu verstehen. Ein weiterer wichtiger Punkt zur Demokratiestärkung ist, dass wir Begegnungen zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft schaffen, damit diese erkennen, dass man ähnlich tickt. Wir dürfen rassistischer Hetze keine Angriffspunkte liefern.

Wären nicht Landtagswahlen ab 16 auch eine Alternative?
Wenn wir auf Landesebene die Wahl ab 16 einführen, würde das bedeuten, das aktive und passive Wahlrecht, also das eigentliche Wählen und das Kandidieren, auseinander zu reißen. Man muss Jugendlichen eher die Chance geben, sich mehr direkt zu beteiligen. Wir sollten mehr Elemente einer direkten Demokratie, wie Volksentscheide, nutzen. Die Möglichkeiten sind auf der Landesebene schon gegeben. Die Angst, die Abstimmung könnte zu einem schlechten Ergebnis führen, ist unbegründet. Aber natürlich darf nicht über alle politischen Themen so entschieden werden.

Der Tourismus ist eine der größten wirtschaftlichen Stützen in unserem Bundesland. Wie können wir unsere Kapazitäten auf diesem Gebiet noch besser nutzen? Zuallererst muss gesagt werden, dass Mecklenburg-Vorpommern bereits die beliebteste innerdeutsche Sommerurlaubsregion ist. Bei 1,6 Millionen Einwohnern können wir jährlich fast 28 Millionen Übernachtungen verzeichnen. Es sind etwa 170 000 Menschen im Gastgewerbe tätig. Um jedoch die Attraktivität dieser Berufe weiter zu steigern, müssen wir den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro fordern, schließlich soll jeder von seiner Arbeit leben können.

Wie sieht denn das Tourismuskonzept von Mecklenburg-Vorpommern aus?
Wir versuchen hier einen „sanften“ Tourismus, also eher naturnahen Erholungsurlaub zu etablieren. Das heißt, dass auf unsere Stärken gesetzt werden muss: Naturschönheit, Kulturvielfalt, Möglichkeiten zur sportlichen Aktivität. Dabei kristallisieren sich bestimmte regionale Themenschwerpunkte heraus. Neubrandenburg, zum Beispiel, ist eher ein gefragtes Veranstaltungs- und Einkaufszentrum. Durch spezielle Angebote versuchen die regionalen Tourismusverbände die Nachfrage nach Übernachtungsplätzen zu steigern, so wie beispielsweise durch Öko-Campingplätze. Der größte Vorteil Mecklenburg-Vorpommerns ist seine einzigartige Vielfalt.

Ein Artikel aus dem Nordkurier, Neubrandenburger Zeitung Stargard, vom 26. März 2013, Seite 16. Copyright Nordkurier 2013

 

Interview mit Sylvia Bretschneider

Frage: Warum braucht Erfolg Vielfalt?

Sylvia Bretschneider: Jeder Mensch hat besondere Veranlagungen und Fähigkeiten. So ist – wie zum Beispiel in Betrieben – erst durch das Miteinander verschiedener Talente, Erfahrungen und Blickwinkel Entwicklung möglich. Wenn in einem Unternehmen ausschließlich Menschen mit identischen Ausbildungen, Erfahrungen und Fähigkeiten arbeiteten, würde dies wohl kaum Erfolg garantieren. Schließlich gewinnen Fußballmannschaften ja auch nicht dadurch, dass sie mit elf Stürmen antreten. Es braucht einen Torwart, Stürmer, Verteidiger, Ausnahmetalente, selbstlose Feldspieler und ganz sicher auch einen Kapitän. Nicht anders ist es in Unternehmen. Erst durch Vielfalt sind verschiedenste Aufgaben lösbar. Das gilt für die Wirtschaft wie auch für alle anderen Bereiche unserer Gesellschaft. Jeder Mensch ist etwas Besonderes und hat seine Talente. Die gilt es einzubringen und zu nutzen. Im Miteinander – was manchmal auch Reibungen mit sich bringt – wird diskutiert und die mehrheitlich präferierte Lösung umgesetzt. Ohne vielfältige Ansichten wäre keine Entwicklung möglich, sowohl persönlich als auch gesellschaftlich.

Frage: Wie „vielfältig” sind der Landtag und die Landtagsverwaltung?

Sylvia Bretschneider: Ein Parlament ist von vornherein vielfältig. Schließlich vertreten die Abgeordneten die Wünsche und politischen Ziele verschiedener Teile der Gesellschaft.
Trotz unterschiedlicher parteipolitischer Ansichten und Meinungen arbeiten die Abgeordneten der vier demokratischen Fraktionen im Rahmen anerkannter Regeln gut zusammen. Dazu gehören selbstverständlich auch Diskussionen und inhaltliche Auseinandersetzung zu bestimmten Sachfragen. Das ist das Salz in der Suppe. In der Demokratie entscheidet am Ende dann allerdings eine Mehrheit – und diese gilt es immer wieder zu finden. In den Fachausschüssen und im Plenum können Argumente vorgebracht werden, die manchmal sogar bisherige Ansichten verändern. Das ist nur dank der vielfältigen Sicht- und Herangehensweisen möglich. Eine wichtige Aufgabe nehmen die Fachausschüsse wahr, die sich auf bestimmte Themen spezialisiert haben. Hinzu kommen für bestimmte Sachfragen Vertreter aus verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, Landwirte wie Vertreter des Umweltschutzes, Unternehmer ebenso wie Sozialverbände. Weitere Gruppen ließen sich nennen. Vielfältige und meist auch gegensätzliche

Meinungen sind notwendig und erwünscht, um bestmögliche Entscheidungen treffen zu können. Um ihre Aufgabe als Dienstleister für die Abgeordneten wahrnehmen zu können, ist auch die Landtagsverwaltung vielfältig zusammengesetzt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten – jeweils an ihrem Platz – ihren Beitrag dazu, damit die gesetzgebende Gewalt unseres Landes, der Landtag, reibungslos arbeiten kann.

Frage: In welcher Weise profitiert die Wirtschaft von einer vielfältigen Gesellschaft?

Sylvia Bretschneider: Neben der Vielfalt innerhalb eines Unternehmens als Motor für dessen Produktivität profitiert die Wirtschaft auch von einer vielfältigen Gesellschaft nicht nur als Absatzmarkt. Dadurch sind Spezialisierungen möglich, die wiederum durch eine klar definierbare Zielgruppe neue Möglichkeiten für Unternehmen bieten. Ebenso wichtig für Unternehmen ist es aus meiner Sicht, auf erfahrene und jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichermaßen zu setzen. Auch hier verschafft Vielfalt Vorteile im Wettbewerb mit der Konkurrenz. Ein Berufsstarter hat noch nicht die erforderliche Lebens- und Arbeitserfahrung, selbst wenn er oder sie direkt nach Schule oder Studium neueste technische Fähigkeiten mitbringt. Hier birgt das Miteinander von Jung und Alt optimale Potentiale. Diese Vielfalt verschiedenster Erfahrungen wird von der Wirtschaft seit langem genutzt und daran sollte festgehalten werden. Ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören nicht zum alten Eisen, sondern gehören mit ihren Erfahrungen zum wichtigsten Unternehmenskapital. Ebenso sollten Anregungen jüngerer Leute, die eventuell unkonventionell einfache Verbesserungen aufzeigen, ernst genommen werden. Letztlich können wir aber nur in einer freiheitlich-demokratische Gesellschaft Unternehmertum wie wir es heute kennen und für das die IHK steht, garantieren. Gefahren für die Demokratie -wie z. B. Rechtsextremismus – sind zugleich Gefahren für die Wirtschaft.

Frage: In welcher Weise können sich die Unternehmerinnen und Unternehmer noch aktiver mit einbringen?

Sylvia Bretschneider: Das von mir 2008 gemeinsam mit der Vereinigung der Unternehmensverbände, dem DGB, der evangelischen und katholischen Kirche ins Leben gerufene überparteiliche Bündnis „WIR. Erfolg braucht Vielfalt” (http://www.wir-erfolg-braucht-vielfalt.de) setzt sich für eine aktive Zivilgesellschaft sowie für ein Achten und Nutzen der nur in einer Demokratie gegebenen Grundwerte ein. Dies beinhaltet ein deutliches Positionieren gegen Rassismus und Extremismus. Im vergangenen Jahr wurde von der WIR-Initiative die „Demokratie-Aktie” ins Leben gerufen. Mit dem Erwerb solcher Aktien erhalten Unternehmen ein Zertifikat sowie eine Spendenbescheinigung. Die Einnahmen kommen demokratiefördernden Veranstaltungen in der Region der spendenden Unternehmen zugute. So werden z.B. Demokratie-Feste, Filmvorführungen mit Diskussionen, Workshops, die zu eigenem zivilgesellschaftlichem Engagement motivieren oder die Auseinandersetzung mit rechtsextremistischen Parolen anregen, unterstützt. Für Unternehmen ist die regionale Einbindung in solche Aktivitäten sehr wichtig. Es wäre wünschenswert, wenn sich noch mehr Unternehmen bei der Unterstützung lokaler Vereine und Initiativen engagieren. Dies muss nicht zwingend finanziell sein. Wichtig ist außerdem ein deutliches „Gesicht zeigen” gegen diskriminierende und extremistische Erscheinungen. Wenn ein Mitarbeiter durch sein Erscheinungsbild Zugehörigkeit zum rechtsextremen Spektrum demonstriert oder menschenverachtende Parolen verbreitet, darf man nicht wegsehen. Ziel der Rechtsextremen ist, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen und akzeptiert zu werden. Mit Stammtischparolen und dem Schüren von Ängsten lösen wir aber keine Probleme. Hier sind auch Unternehmerinnen und Unternehmer gefragt, durch klare Standpunkte solchen menschenverachtenden Haltungen entgegen zu treten. Die WIR-Geschäftsstelle steht als Ansprechpartner auch für die Wirtschaft z. B. bei der Vermittlung von Referenten für Vorträge, Workshops, bei Ausstellungen oder themenbezogenen Filmen gerne zur Verfügung.

 

 

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